Dies stellt einen Versuch dar, die verschiedenen Darstellungen von Kannibalismus im Film durch eine Klassifizierung zu beschreiben. Nun besteht meines Erachtens bei dem Versuch, irgendwelche Phänomene oder Filme in Klassen oder Genres einzuteilen, oftmals die Gefahr, dass dies zum Selbstzweck wird. Die folgende Einteilung empfinde ich aber bei der Betrachtung und Beschreibung von Kannibalismus im Film als durchaus gewinnbringend.
Ich beschreibe die Filme anhand der Art des darin vorkommenden Kannibalismus und erhalte folgende Kategorien:
1. Anthropologischer Kannibalenfilm:
Filme, in denen Kannibalismus aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus ausgeübt wird, der Kannibalismus also einen drohenden Hungertod verhindern soll.
Beispiel: „Alive“ („Überleben!“, 1993, Regie: Frank Marshall)
Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und handelt von einigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in einer entlegenen Bergregion, die, als alle Nahrungsmittel aufgebraucht sind, beschließen, die Verstorbenen als Nahrungsquelle zu nutzen.
2. Ethnologischer Kannibalenfilm:
Filme, in denen Kannibalismus innerhalb einer bestimmten Gruppe kulturell anerkannte und manchmal auch rituelle Praxis ist.
Beispiele: „Ultimo Mondo Cannibale“ („Mondo Cannibale II“, 1978, Regie: Ruggero Deodato), “Cannibal Holocaust” (“Nackt und zerfleischt”, 1980, Regie: Ruggero Deodato), “Cannibal Ferox” (“Die Rache der Kannibalen”, 1981, Regie: Umbero Lenzi)
In diesen Filmen kommen Eingeborenenstämme vor, die Kannibalismus praktizieren.
3. Psychopathologischer Kannibalenfilm:
Filme, in denen Kannibalismus von psychisch gestörten Menschen ausgeübt wird, oftmals von Serienmördern.
Beispiele: „The Silence of the Lambs“ (“Das Schweigen der Lämmer”, 1991, Regie: Jonathan Demme), „Hannibal“ (2001, Regie: Ridley Scott), „Red Dragon“ („Roter Drache“, 2002, Regie: Brett Ratner)
Diese Filme basieren auf literarischen Vorlagen von Thomas Harris. Eine der Figuren ist Hannibal Lecter, ein Serienmörder, der seine Opfer mit Vorliebe verspeist.
Einige Überlegungen anhand dieser Einteilung:
Beim ethnologischen Kannibalenfilm handelt es sich per Definition um einen Film, der kulturell anerkannten Kannibalismus zeigt. Bei den anderen beiden Arten des Kannibalenfilms ist das nicht der Fall.
Den Kannibalismus ausübenden Personen im anthropologischen Kannibalenfilm ist es schmerzlich bewusst, dass Kannibalismus in ihrem Kulturkreis nicht akzeptiert wird, was in der Regel auch erörtert wird.
Den Kannibalen im psychopathologischen Kannibalenfilm ist es entweder nicht bewusst, dass ihr Tun gegen kulturelle Normen verstößt, oder sie vermengen es mit der gängigen kulturellen Praxis, etwa wenn Hannibal Lecter seinen Kannibalismus in eine gehobene moderne Esskultur einfließen lässt. Oftmals lässt der Kannibale sogar andere Angehörige seines Kulturkreises (unfreiwillig) an seinem Kannibalismus teilhaben (wie in „Roter Drache“, „Ebola Syndrome“ oder „The Untold Story“). Im Extremfall wird sogar versucht, eine Gegenkultur zu entwerfen, etwa wenn ein Kannibale in „Ravenous“ davon spricht, einen Kannibalen-Kult zu erschaffen, oder im Falle eines geheimen und exklusiven Kannibalen-Restaurants in „Saigo no bansam“. Dies grenzt dann schon wieder an den ethnologischen Kannibalenfilm.
Eine andere vorkommende Mischform besteht bei Filmen, in denen ein Protagonist Menschenfleisch isst, um zu überleben, dann aber deswegen verrückt wird und fortan seinen Speiseplan freiwillig um Menschenfleisch erweitert. Diese Mischform aus anthropologischem und psychopathologischem Kannibalenfilm ist u.a. bei „Ravenous“ gegeben (Dieser Film ist also, da er alle drei Teilbereiche abdeckt, ein besonders interessanter Untersuchungsgegenstand).
Der Film „Texas Chainsaw Massacre“ lässt sich am besten als ethnologischer Kannibalenfilm klassifizieren, da Kannibalismus im Kreise der dargestellten degenerierten Familie anerkannte Praxis und sogar Tradition ist und nach einem festgelegten Ritus abläuft. So ist das Opfer vom Familienoberhaupt zu töten, auch wenn dieses aufgrund des Alters kaum noch das Mordinstrument, einen Hammer, halten kann.
Ein struktureller Vergleich mit anderen ethnologischen Kannibalenfilmen offenbart auch Parallelen: Eine Gruppe von Menschen wird in einer für sie fremden Gegend (oftmals eine Dschungelregion, hier die Backwoods von Texas) mit einer geschlossenen Gruppe konfrontiert, die Kannibalismus praktiziert (in der Regel kannibalistische Eingeborenenstämme, hier die TCM-Familie).
Dies waren zunächst einige Überlegungen zu dem Thema, in Zukunft vielleicht mehr.