• Sticky Der Berlinale-Blog

    Sicfilmdoktor Axel iwar die zehn Tage im diggen B unnerwegs. bewaffnet mit einer Akkreditierung und Sehnerven aus Stahl schaute er sich so viele Filme an, wie er konnte, schlief mit Stars, die er nicht kannte und kam trotz allem heile zurück.

    In den nächsten Tagen erscheinen hier seine gesammelten Ein- und Ausdrücke vom schönsten Filmfest der Welt (nach Venedig und Weiterstadt, latürnich).

    Und immer wieder geht es um die Frage:
    Machen Filme krank oder sind sie die Heilung?

  • Ph'nglui mglw'nafh Cthulhu R'lyeh wgah'nagl fhtagn

    Es gibt Tage, da geschieht etwas, das man nicht (mehr) für möglich gehalten hat.
    Seit meiner Jugend bin ich begeisterter Leser der Geschichten von H.P. Lovecraft, und da ich gleichzeitig ein totaler Film-Freak bin, habe ich schon zahlreiche „Verfilmungen“ seiner Werke gesehen. Meist wurde ich enttäuscht, da die Filmemacher allenfalls den Titel oder einige Elemente aus Lovecrafts Geschichten aufgegriffen habe, im besten Fall stellte sich zumindest zeitweise eine Lovecraftsche Atmosphäre ein, aber eine wirklich werkgetreue, durchgehend an die Atmosphäre der Vorlagen angelehnte Verfilmung war nie dabei. Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass es so etwas irgendwann mal geben wird, und dann stoße ich auf Andrew Lemans Verfilmung von „Call of Cthulhu“ aus dem Jahre 2005.
    Mit einem noch geringeren Budget entstanden als die ohnehin schon recht günstig produzierten anderen Lovecraft-Verfilmungen, gelingt dem Film durch rigorose Reduktion der Mittel, das, was anderen SFX- und CGI-überladenen Filmen nicht gelingt: Eine von Anfang bis Ende atmosphärische, dem Werk Lovecrafts gerecht werdende Verfilmung einer seiner sehr komplexen, mitunter auch abstakten Geschichten.
    Der Clou an der Sache ist – wie gesagt – die Reduktion der Mittel: Der Film ist ein 45-minütiger Stummfilm in Schwarzweiß mit deutlichen expressionistischen Anleihen. Zum einen fühlt man sich dadurch filmisch in die Zeit der Entstehung der Vorlage – ins Jahr 1926 – zurück versetzt, zum anderen schaffen es die Filmemacher in einer Zeit, in der Filme zusehends zu zeigefreudigen Spektakeln geworden sind, diese gewisse unheimliche Vagheit Lovecrafts zu erhalten. Umso verblüffter war ich zu sehen, mit welchen Tricks die Filmemacher teilweise gearbeitet haben, und wie einfallsreich und liebevoll sie dabei vorgegangen sind. Man sieht es dem Film aber nicht wirklich an, dass er mit einem Budget von gerade mal 50.000 Dollar entstanden ist. Hier und da gibt es ein paar kleine Ungereimtheiten – zugegeben -, aber da man derart von der Stimmung des Films eingenommen ist, fällt das nie negativ auf.
    Da bleibt nur ein Fazit: Ein Film von Fans für Fans. Ich habe bis dato keine bessere Lovecraft-Verfilmung gesehen. Ich bin begeistert.

    Möge der große Cthulhu weiterhin beruhigt in R’lyeh träumen, es gibt nun Anhänger, die seine Wiederkehr auch filmisch vorbereiten.

  • Versuch einer Klassifizierung von Kannibalenfilmen

    Dies stellt einen Versuch dar, die verschiedenen Darstellungen von Kannibalismus im Film durch eine Klassifizierung zu beschreiben. Nun besteht meines Erachtens bei dem Versuch, irgendwelche Phänomene oder Filme in Klassen oder Genres einzuteilen, oftmals die Gefahr, dass dies zum Selbstzweck wird. Die folgende Einteilung empfinde ich aber bei der Betrachtung und Beschreibung von Kannibalismus im Film als durchaus gewinnbringend.

    Ich beschreibe die Filme anhand der Art des darin vorkommenden Kannibalismus und erhalte folgende Kategorien:

    1. Anthropologischer Kannibalenfilm:
    Filme, in denen Kannibalismus aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus ausgeübt wird, der Kannibalismus also einen drohenden Hungertod verhindern soll.

    Beispiel: „Alive“ („Überleben!“, 1993, Regie: Frank Marshall)
    Der Film beruht auf einer wahren Begebenheit und handelt von einigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in einer entlegenen Bergregion, die, als alle Nahrungsmittel aufgebraucht sind, beschließen, die Verstorbenen als Nahrungsquelle zu nutzen.

    2. Ethnologischer Kannibalenfilm:
    Filme, in denen Kannibalismus innerhalb einer bestimmten Gruppe kulturell anerkannte und manchmal auch rituelle Praxis ist.

    Beispiele: „Ultimo Mondo Cannibale“ („Mondo Cannibale II“, 1978, Regie: Ruggero Deodato), “Cannibal Holocaust” (“Nackt und zerfleischt”, 1980, Regie: Ruggero Deodato), “Cannibal Ferox” (“Die Rache der Kannibalen”, 1981, Regie: Umbero Lenzi)
    In diesen Filmen kommen Eingeborenenstämme vor, die Kannibalismus praktizieren.

    3. Psychopathologischer Kannibalenfilm:
    Filme, in denen Kannibalismus von psychisch gestörten Menschen ausgeübt wird, oftmals von Serienmördern.

    Beispiele: „The Silence of the Lambs“ (“Das Schweigen der Lämmer”, 1991, Regie: Jonathan Demme), „Hannibal“ (2001, Regie: Ridley Scott), „Red Dragon“ („Roter Drache“, 2002, Regie: Brett Ratner)
    Diese Filme basieren auf literarischen Vorlagen von Thomas Harris. Eine der Figuren ist Hannibal Lecter, ein Serienmörder, der seine Opfer mit Vorliebe verspeist.

    Einige Überlegungen anhand dieser Einteilung:
    Beim ethnologischen Kannibalenfilm handelt es sich per Definition um einen Film, der kulturell anerkannten Kannibalismus zeigt. Bei den anderen beiden Arten des Kannibalenfilms ist das nicht der Fall.
    Den Kannibalismus ausübenden Personen im anthropologischen Kannibalenfilm ist es schmerzlich bewusst, dass Kannibalismus in ihrem Kulturkreis nicht akzeptiert wird, was in der Regel auch erörtert wird.
    Den Kannibalen im psychopathologischen Kannibalenfilm ist es entweder nicht bewusst, dass ihr Tun gegen kulturelle Normen verstößt, oder sie vermengen es mit der gängigen kulturellen Praxis, etwa wenn Hannibal Lecter seinen Kannibalismus in eine gehobene moderne Esskultur einfließen lässt. Oftmals lässt der Kannibale sogar andere Angehörige seines Kulturkreises (unfreiwillig) an seinem Kannibalismus teilhaben (wie in „Roter Drache“, „Ebola Syndrome“ oder „The Untold Story“). Im Extremfall wird sogar versucht, eine Gegenkultur zu entwerfen, etwa wenn ein Kannibale in „Ravenous“ davon spricht, einen Kannibalen-Kult zu erschaffen, oder im Falle eines geheimen und exklusiven Kannibalen-Restaurants in „Saigo no bansam“. Dies grenzt dann schon wieder an den ethnologischen Kannibalenfilm.

    Eine andere vorkommende Mischform besteht bei Filmen, in denen ein Protagonist Menschenfleisch isst, um zu überleben, dann aber deswegen verrückt wird und fortan seinen Speiseplan freiwillig um Menschenfleisch erweitert. Diese Mischform aus anthropologischem und psychopathologischem Kannibalenfilm ist u.a. bei „Ravenous“ gegeben (Dieser Film ist also, da er alle drei Teilbereiche abdeckt, ein besonders interessanter Untersuchungsgegenstand).

    Der Film „Texas Chainsaw Massacre“ lässt sich am besten als ethnologischer Kannibalenfilm klassifizieren, da Kannibalismus im Kreise der dargestellten degenerierten Familie anerkannte Praxis und sogar Tradition ist und nach einem festgelegten Ritus abläuft. So ist das Opfer vom Familienoberhaupt zu töten, auch wenn dieses aufgrund des Alters kaum noch das Mordinstrument, einen Hammer, halten kann.
    Ein struktureller Vergleich mit anderen ethnologischen Kannibalenfilmen offenbart auch Parallelen: Eine Gruppe von Menschen wird in einer für sie fremden Gegend (oftmals eine Dschungelregion, hier die Backwoods von Texas) mit einer geschlossenen Gruppe konfrontiert, die Kannibalismus praktiziert (in der Regel kannibalistische Eingeborenenstämme, hier die TCM-Familie).

    Dies waren zunächst einige Überlegungen zu dem Thema, in Zukunft vielleicht mehr.

  • Be Kind Rewind (R: Michel Gondry)

    Hier noch ein nachgereichter Berlinale-Live-Bericht (halt un-live):

    Am Samstag morgen war ich in Michel Gondrys „Be Kind Rewind“ mit Jack Black (King Kong, School of Rock) und Mos Def (Hitchhiker’s Guide to the Galaxy).

    Gondry ist das enfant sensible des Filmbusiness, seinem Status als Selbstbastler und Verächter von CGI und sonstigen aufwendigen Technivagganza setzt er nun mit „Be Kind Rewind“ ein eigenes Denkmal.
    Wie schon in dem wundervollen „Science of the Sleep“, dreht sich auch in BKR alles um den selbstgebastelten Film.

    „Be Kind Rewind“ spielt in dem kleinen Kaff Passaic, New Jersey, der Geburtsstätte der Jazz-Legende Fats Wallers, wie uns zu Anfang suggeriert wird.
    Hier fristen auch die beiden Hobby-Trottel Mike und Jerry ihr Dasein. Der eine in seinem Wohnwagen gleich neben dem Elektrizitätswerk, der andere in einem maroden Videoladen.
    Während sein Boss (Danny Glover) auf Recherchetour ist und dabei entdeckt, dass der Rest des Landes inzwischen auf DVD umgestiegen ist, ereignet sich in der kleinen Eckvideothek ein folgenschwerer Unfall. Jack, der nach einem Sabotage-Akt gegen das Kraftwerk, magnetisiert wurde, löscht unwissentlich alle Videobänder.
    Die alte Miss X (Mia Farrow) soll ein Auge auf die beiden haben, und Mike & Jerry in ihrer Not und weil sie die alte Dame für beschränkt halten, drehen selbst eine Version von „Ghostbusters“, in schrägen Kostümen, mit schlechten Effekten, live aufgenommenen Ton, und in einer uralten VHS-Kamera geschnitten.
    Doch statt wie erwartet, gehörig Ärger zu bekommen, werden die Filme zu einem Hit. Als dann noch das Mädchen aus der Wäscherei hinzukommt, die im Gegensatz zu den Jungs über Geschäftssinn verfügt, wird die Produktion angekurbelt. Das Wäscherei-Mädchen erfindet auch den Namen für diese neue Art von Remakes: geswedet, was nichts mit Schweden zu tun hat, sondern bedeutet, das man seine Lieblingsfilme mit sich selbst und ausgedachten Effekten nachdreht.
    Wer mehr über geschwedete Filme wissen möchte, sollte sich unbedingt die sehr liebevoll geschwedete Seite zum film anschauen:

    www.bekindmovie.com

    Und weil Gondry selbst das größte Spielkind ist, hat er den Trailer zu "Be kin"d gleich selbst geschwedet.

    Hier zum Vergleich der original-Trailer:

    Und hier die gesschwedete Version:

    Kritik an der janzen Schoose:
    Die Idee, bekannte Filme nachzudrehen ist großartig, leider ist die Geschichte dahinter nur der Abklatsch eines Remakes einer Wiederholung eines Making-Offs, (siehe: das alte Haus, das abgerissen werden soll, und von den nerdigen Bewohner davor in letzteer Minute bewahrt wird, kennt man aus „Das Wunder der 8. Strasse“ u.a.; übrigens war das wohl auf dem Mist des Produzenten gewachsen, und Gondry-verzapft ). Alle guten Ideen sind schon am Anfang verbraten und auch die Idee einen eigenen Dokumentarfilm über das Leben von Fats Wallers zu drehen, zündet zum Schluss nicht mehr ganz so feurig.
    Im Vergleich zu „Science of the Sleep“ scheint es bei „Be Kind Rewind“, dass die ausgelutschte Dramaturgie der Blockbuster der 80er, 90er und 00er (wie „Ghostbusters“, „Driving Miss Daisy“, „Rush Hour 2“), die er schwedet auf den Film abgefärbt zu haben.
    Ehrlich gesagt hätte ich mir lieber 2 Stunden geschwedete Filme angeschaut, wie diese öde lahme Geschichte.
    Trotzdem kann man hoffen, dass der Film eine Welle an Schweden-Filmen auslöst. Das könnte sich angesichts solcher Machwerke wie Cloverfield und dem Hollywood-Autoren-Streik als Notnagel der völlig ideen- und phantasielosen Traum-Industrie erweisen.

    Trotzdem kann ich den Film doch sehr empfehlen, einfach weil er einen auf die Idee bringt, mit den einfachsten Mittel, große Filme zu machen.

  • Mein Lieblingsvideo von Michel Gondry

    Bevor Gondry Langspielfilme drehte, war er bekannt für seine extraordinären Musikvideos für so Musibekannten wie Björk, die White Stripes, Beck, u.v.a.m. ...
    Hier mein Lieblingsvideo von ihm, eine Plansequenz mit einem vertrackt ausgetüftelten Plan.
    Übrigens greift er die Idee der Plansequenz durch verschiedene Szenen inklusive Verwirrung der räumlichen Perspektive auch in „Be Kind Rewind“ erneut auf:

  • Prekäre Superhelden entern die Berlinale

    Was man so nicht alles mitbekommt, wenn man dauernd im Kino sitzt ...
    Da ich während des Festes Star-Abstinent lebe, weil es mir völlig reicht die Pappnasen überlebensgroß auf der Leinwand zu sehen, bei der Erfüllung ihrer Pflicht und sie mich als Winkemännchen und Lächelfrau nicht die Bohne interessieren, verpasse ich die Gelegenheit die wahren Superhelden unserer Tage bei einer ihrer berüchtigten Aktionen begutachten zu können.
    Aber zum Glück gibt's ja Youtube:

    indymedia schreibt dazu:
    "Bei der Premiere des Kostümfilms „Die Schwester der Königin", einem der mit Spannung erwarteten Höhepunkte der Berlinale, gab es am Freitag, den 15. Februar 2008, eine überraschende Wendung. Als Scarlett Johansson und Natalie Portman den roten Teppich vor dem Berlinale Palast betraten, erklommen Prekäre Superhelden die dortige Großbildleinwand und entrollten ein Banner mit der Aufschrift „Mir reicht's nicht, Statistin in meinem eigenen Leben zu sein." Von der Leinwand herunter riefen sie: „Glamour, Glamour – prekär on tour!"

    Mit ihrer spektakulären Kletterpartie unterstützten die Prekären Superhelden die Kampagne „Mir reicht's ... nicht!", die sich gegen unsichere Arbeitsbedingungen in der Kultur- und Wissensproduktion richtet. Gerade in der Filmbranche liegen Prekarität und Glamour oft dicht beieinander. Doch während bei der Berlinale alle Kameras auf den roten Teppich gerichtet sind, bleiben schlechte Arbeitsbedingungen und fehlende soziale Absicherung weitgehend unsichtbar. Prekäre Verhältnisse finden sich überall – in der Kulturbranche sind sie nicht nur weit verbreitet, sondern auch besonders akzeptiert. Das Versprechen von kreativer Selbstverwirklichung und das Rampenlicht der Filmbranche rechtfertigen unbezahlte Praktika und sebständige Dauerverausgabung.

    Mit dem Auftritt der Prekären Superhelden setzte sich die Intervention der Kampagne „Mir reicht's... nicht!" auf der Berlinale fort. Bereits am Samstag, den 9.2., hatte im Roten Salon der Volksbühne die „Gala der Prekären Perspektiven" stattgefunden. Dort wurden beispielhafte Protestaktionen von Prekären Kulturproduzenten prämiert – etwa die Intermittents du Spectacle aus Paris, die einen Sommer lang die Musik- und Theaterfestivals in Frankreich lahmlegten.

    Die Berlinale war nach der documenta 12 die zweite Station der Kampagne „Mir reicht's ... nicht!" Auch in Kassel waren zahlreiche Gespräche mit Kulturprekären geführt und über gemeinsame Strategien diskutiert worden.
    http://www.mirreichts-nicht.org "

    zitiert nach:
    http://de.indymedia.org/2008/02/208411.shtml

  • Berlinale-Lag

    Jetzt bin ich wieder zurück in Kolonpolis, noch im Berlinale-Lag, das Wirklichkeitskino da draußen erscheint ein wenig halbreal, während ich somnabul durch mein Leben schlawiner, meine luziden Träume hingegen sind gestochen scharf.
    Ich kann halt doch nicht aus meiner Netzhaut.
    Die 10 Tage kommen mir vor wie 10 Wochen oder 10 Minuten, Zeit- und Raumgefühl zerbröseln und ich warte darauf, dass das Licht wieder angeht, der Applaus anbrandet und ein Regisseur vor die Leinwand tritt und erklärt, was er sich eigentlich dabei gedacht hat.
    Wenn sich mein Gehirn wieder rühren lässt, kriegt ihr auch mein Resümmee zum Fest, inc. Preisvergabe an die umstrittenste Jury-Leistung, Kritik der Filmkritik, Ethnolyse des Zuschauer-Zombies und Tips für Guerrilla-Akkreditierte.

    In diesem Sinne:
    Keine Macht den Filmen. Keine Nacht ohne Filme.

  • Berlinale-Blog, letzter Eintrag

    Sitze mal wieder mit Italienern, Indern, Engländern im Presseraum, neben mir laufen über Stream auf sämtlichen Monitoren die Live-Übertragung der Preisverleihung, zeitversetzt, so dass sich Applaus und Fanfaren immer wiederholen.

    So erfahre ich, dass die beste Darstellerin meine Favoritin geworden ist, Sally Hawkins aus Mike Leighs "Happy-Go-Lucky". Absolut verdient, der Film kommt sicher bald auch in die deutschen Kinos, schaut sie euch an.

    Ansonsten habe ich heute nur einen Bunuel-Film aus der Retrospektive gesehen, einen Genre-Streifen aus seiner mexikanischen Zeit "El Fievro en El Pao".

    Den Rest des Tages habe ich dann außerhalb des Kinos verbracht und selbst gefilmt, die künstlichen Öden am Po-Platz, die Rückseiten der Fassaden und die Kinder, die im Holocaust-Denkmal Fangen spielen.

    Gestern kam ich mehr durch Glück in die Vorführung des Caligari-Preisträgers, weil ich zufällig Jochen Pollith vom Weiterstädter Kino über den Weg gelaufen bin, der einen Pappaufsteller ins Kino brachte. Ich folgte ihm mit der Kamera und auf einmal war ich im Kino, während draußen die Menschen in der Schlange warten mussten. Gewonnen hat der Film "Tirador" aus den Slums von Manila. Zu Recht, weil er der beste einer ganzen Reihe von Slum-Filmen war, zeigt "Tirador" das Auf und Ab eines Tages im Leben verschiedeneer Charaktere, ohne allzu sehr auf dem Gangster-Shit rumzureiten. Die Kamera begleitet die Figuren in zum Teil sehr ausgedehnten Plansequenzen in die verwinkelten Gassen und Wohnungen.

    Eben kommt der Preis für die beste Regie rein, Paul Thomas Anderson für "There will be Blood".
    Verdient für den Aufwand, die Gestaltung und die Konzeption dieses Epos über einen Ölbaron zu Anfang des letzten Jahrhunderts.

    So langsam habe ich aber genug von einem Leben von morgens bis abends im Kino. So langsam kriege ich Augenkrebs und wenn ich hinaus gehe, in die sogenannte Wirklichkeit, dann kommt mir das alles vor wie eine nicht enden wollende Plansequenz unterbrochen von unerklärlichen Schwarzblenden.

    Jetzt gehe ich gleich noch in einen Dokumentarfilm über eine Heavy Metal Band aus Baghdad.

    Und dann vielleicht noch einen namens "Flipping Out" über israelische Soldaten im Urlaub.

    Und morgen vielleicht noch zwei, den iranischen Wettbewerbsbeitrag und einen Film über japanische Revolutionäre.

    Und dann war's das mal wieder.

  • Amu

    Der englischsprachige, indische Film „Amu“ von 2004 ist das Spielfilm-Debüt der Regisseurin Shonali Bose und – ich nehme es mal vorweg – einer der bewegendsten Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

    Der Film handelt von der in Indien geborenen Amerikanerin Kaju, die in ihre alte Heimat reist, die sie im Kindesalter verlassen hat, um ihren Wurzeln nachzuspüren. Sie wurde nämlich im Alter von drei Jahren adoptiert und macht sich jetzt in Delhi auf die Suche nach der Geschichte ihrer leiblichen Eltern. So bekommt sie zunächst ein aufregendes und ihr doch fremdes Bild von Indien zu sehen. Denn, obwohl sie Hindi spricht und bei Familienangehörigen wohnt, muss sie sich doch erst einmal zurechtfinden.
    Zusammen mit Kabir, einem Bekannten der Familie und Sohn eines hohen Regierungsbeamten, begibt sie sich in die Slums, wo sie hofft, mehr über ihre Ursprünge zu erfahren. Nach und nach stoßen sie beiden auf Unstimmigkeiten in der Geschichte, die Kaju von ihrer Adoptivmutter über ihre Eltern erfahren hat, und ihnen wird bewusst, dass sie anscheinend einem furchtbaren Geheimnis auf der Spur sind, das die meisten - Kajus Adoptivmutter, Kabirs Vater und viele der Slumbewohner - wohl am liebsten unter den Teppich kehren würden. Im Jahre 1984, als Kaju drei Jahre alt war, fanden in Delhi nämlich die Anti-Sikh-Pogrome statt, die auf die Ermordung Indira Gandhis folgten, und für Kaju und Kabir wird es immer offensichtlicher, dass diese in Zusammenhang stehen mit der Geschichte von Kajus Familie. Während Kaju weiter nach dem Verbleib ihrer Eltern forscht, nimmt Kabir sich immer mehr der politischen Dimension der damaligen Geschehnisse an, vor allem auch, weil sein Vater schon damals einen hohen Posten in der Regierung innehatte.

    „Amu“ punktet auf so ziemlich allen Ebenen: Er funktioniert als Drama durch seine realistische Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen, aber auch als fesselnder Krimi, wenn Kaju und Rabir nach immer neuen Hinweisen suchen und allerhand Leute befragen.
    Zunächst beweist die Regisseurin Geschick in der Darstellung des Alltagslebens im Delhi, seinen Slums, aber auch in der High Society, später in der Aufarbeitung eines der – ich bin geneigt zu sagen, der nicht gerade weniger – dunklen Kapiteln der jüngeren indischen Geschichte: der gewalttätigen Ausschreitungen gegen Sikhs im Jahr 1984, denen allein in Delhi weit über 2500 Menschen zum Opfer fielen. Dabei wird aber nie der Bezug zur Gegenwart außer acht gelassen, und es wird ein vielschichtiges Bild gezeichnet, inwiefern die Ereignisse von damals noch heute Relevanz haben. Das wird an verschiedenen Personen festgemacht: an Kaju, die nach und nach erfährt, wie es ihrer Familie ergangen ist, an Kabir, der die Rolle seines Vaters immer mehr hinterfragt, an diesem selbst, der am liebsten die ganze Sache vergessen würde, an einem Mann, der seinerseits gezwungen wurde, das Versteck eines Sikh-Freundes zu verraten, und der erst durch die Nachforschungen der beiden damit an die Öffentlichkeit geht und sein Trauma zu verarbeiten beginnt, an einem der damaligen Täter, der an seinen Taten zerbrochen ist,…
    Vor allem schwingt aber immer das Bedürfnis vieler Beteiligten und Zeugen mit, das ganze einfach zu vergessen. Und so gewinnt der Film selbst auch dadurch Relevanz, das er sich einem Thema widmet, das bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurde, vor allem auch die Rolle der Polizei und von Regierungsangehörigen, die mutmaßlich die Fäden in der Hand hatten oder zumindest kaum etwas gegen die Ausschreitungen unternommen haben. Es ist zu befürchten, dass viele der Urheber und Aufwiegler nach wie vor hohe politische Ämter innehaben, die natürlich ihr möglichstes tun, eine öffentlich Auseinandersetzung mit dem Thema zu verhindern.
    So ist auf der offiziellen Film-Website nachzulesen, welche Probleme die Filmemacher mit den indischen Zensurbehörden hatten: Obwohl der Film so gut wie keine Gewaltszenen zeigt (was den Film aber noch eindringlicher macht), wurde der Film nur für ein erwachsenes Publikum freigegeben – mit der Begründung: „Why should young people know a history which is best buried and forgotten?“ Außerdem mussten einige Dialogzeilen entfernt werden, in denen einige von Kaju und Kabir befragten Witwen die Regierungsbeteiligung an den Ausschreitungen beklagen. Und wie die Regisseurin mit diesen Auflagen umgegangen ist, zeigt auch wieder ihr besonderes filmisches Gespür: Statt die entsprechenden Szenen einfach rauszuschneiden oder neu zu synchronisieren, hat sie schlicht die Tonspur rausgenommen. Die Witwen bewegen die Lippen, aber nichts ist zu hören. Auch nach 20 Jahren bringen die Behörden die Opfer von damals zum Schweigen.
    Und einen weiteren Bezug zur Gegenwart wurde bis zur Schlussszene aufgehoben: Da wird nämlich ein Fernsehbeitrag gezeigt, der die beginnenden Anti-Moslem-Pogrome in Gujarat andeutet (der Film spielt 2002). Vorkommnisse wie 1984 geschehen nach wie vor und werden immer geschehen, in Indien und eigentlich überall auf der Welt.

    Fazit: Ein wichtiger, engagierter und sehenswerter Film, den keiner verpassen sollte, der die Gelegenheit hat, ihn zu sehen.

  • Berlinale-Bericht, Freitag

    Mal wieder fuenfzehn Minuten Presseraum. Draussen vor dem Berlinal-Palazzoo werden gerade Natalie Protman und Scarlett Johanssen abgeladen. Juergen Vogel huepft irgendwo rum, und die Schleichen und Roenen stolpern ueber einen blutroten Teppich.

    GEstern abend sah ich den ersten Film, der mich optisch gekitzelt hat. Endlich. Endlich mal was Neues und ungewoehnliches. Ein russischer Beitrag im Forum, namens "Nirvana". Der Film spielt in Sankt Petersburg, in einer Art Parallelwelt, in der alle Menschen in opulenten Kostuemen rumlaufen und in jeder Szene neu geschminkt sind, mal wie Pfauen, mal wie Katzen, mal mit Federn an den Wimpern. Eine Menagerie-a-trois im Drogenmilleu. Die Geschichte selbst ist leider nicht so besonders, zwar spannend, aber endlich ein Film, der mich in eine phantastisch-fremdartige Welt entfuehrt.

    Danach traf ich mich mit Andreas Heidenreich, der mit seinen werten Kolleginnen aus der Jury des Caligari-Filmpreises (fuer die Filme im Internationalen Forum) gerade die Begruendung fuer ihre Preisvergabe tippte. Da das Ergebnis erst heute abend bekannt gegeben wird, darf ich hier leider noch nichts verraten, aber den Film hab ich eh nicht gesehen. Vielleicht schaff ich es noch in die Wiederholung.

    Danach bin ich auf eine Party in der Volksbuehne gegangen, wo ich eine russische Schuspielerin namens Xenia kennenlernte, die sich darueber beschwerte, dass die doofen Regisseure sie nicht besetzen "waegen ihrrrem schwerren Agzent". Ich machte ihr keine Angebote und schaute ihr immer brav in die Augen und nicht in den Ausschnitt, was sie sichtlich irritierte.
    Es gab Unmengen von Alkohol und man musste nichts bezahlen. Fatal, wie ihr euch denken koennt. dann hat auch noch DJ Ipek aufgelegt, die tuerkische DJane aus Rosas Film, Balkan-Rock und wohl aus gegebenen Anlass Madonna, aber auch Rage und Red Hot Chilli und ich bin abgegangen wie Zaepfchen, was nach einer Woche im Kinositz schwimmen auch echt noetig war.

    Am fruehen morgen bin ich dann mit Bernd Brehmer vom Werkstattkino Muenchen und Evi, einer Experimentalregisseurin in "White Trash" einer sehr schnuffigen und geraeumigen Kneipe um die Ecke. Wir haben dann noch Aerger mit zwei Taxifahrern bekommen und mussten den dann mit mehreren Tequillas runterspuelen. Wieder hab ich eine Russin kennengelernt, Anna Pavlova, angeblich Tochter eines beruehmten russischen Komponisten, der irgendwas mit Putin zu tun hat.
    Es war alles noch sehr lustig und ich bin heute erst um 12:00 aufgewacht - in meinem Bett.

    Der erste Film heute war "Exctasy of the Angels", ein Polit-Porno aus dem Jahr 1971, zu Ehren des japanischen Altmeister Wakamoto Koji, der aktuell mit "United Red Army" auf dem Festival ist. Grossartig.
    ah... a..
    Ich merke gerade, dass die Zeit wieder forangeschritten ist und ich muss zum naechsten Film.

    Ich werde detailliert ueber alle Filme berichten, wenn ich wieder daheim bin, hier gibts einfach zu viel Filme, zu viele Parties, Russinnen, Freunde, Augenblicke....

    Bis spaeter

Über mich
E-Mail-Abonnement

Du kannst die Einträge dieses Blogs per E-Mail erhalten.

Kalender
<< < November 2009 > >>
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30

Footer:

Die auf diesen Webseiten sichtbaren Daten und Inhalte stammen von Privatpersonen, blog.de ist für die Inhalte dieser Webseiten nicht verantwortlich.